Deutschland sucht… weibliche Unternehmer!

Article published on Jan. 19, 2015
Article published on Jan. 19, 2015

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„Heutzutage treiben Frauen die Weltwirtschaft voran“… als Konsumentinnen!

Translation into German from English version: Katerina Nikita

Deutschland, die mächtigste Wirtschaft Europas und eine der führenden Wirtschaftsnationen weltweit, sollte sich Sorgen  machen. Um seine Wirtschaftsmacht und seinen Wohlstand als das zweitgrößte Ausfuhrland der Welt in den kommenden Jahren zu sichern, Deutschland braucht ein paar Millionen wissenschaftlich ausgebildete Arbeitskräfte zu importieren oder einen Anreiz der existierenden lokalen und möglicherweise auch produktiven sozialen Gruppen, wie z.B. der Frauen, anzubieten.

In diesem Zusammenhang ist es schon leicht zu verstehen, wieso das Thema des weiblichen Unternehmertums nicht einfach auf die feministische Agenda zu setzen ist. Es stellt hingegen ein Teil der finanziellen Realität des am dichtesten besiedelten  europäischen Staates dar, das sich auch den Ruf des „diszipliniertesten“ erworben hat.

Doch das ist nicht alles.

Deutschland könnte durch seine eigene problematische Situation sowie deren Lösungsmöglichkeiten bewegen lassen und jetzt die Diskussion über die Ermächtigung der  Frau initiieren. Das deutsche Ausländische Amt organisierte eine Informationstour für Gesellschafterinnen und Aufsichtsratsvorsitzenden, an dem muntere Frauen aus vier Kontinenten teilnahmen: Journalistinnen und Unternehmerinnen aus Südafrika, Mexiko, Usbekistan, die erste weibliche Präsidentin der Industrie- und Handelskammer in Mumbai, CEOs und Agenturdirektorinnen aus der Karibik, Kanada, El Salvador, Brasilien, Aserbaidschan, Südkorea, Algerien und vielen anderen Ländern waren dort. Haben Kanada und Indien in Bezug auf das Alltagsleben der Frauen und die Richtlinien zum weiblichen Unternehmertum  etwas gemeinsam? Höchstwahrscheinlich lautet die Antwort nein, weil es sich um zwei sehr unterschiedliche Gesellschaften handelt. Trotzdem gehörten der Meinungsaustausch und die Diskussion über Lebenserfahrungen zwischen die Teilnehmerinnen zum interessantesten Teil der Informationstour.

Um viel Großes zu erreichen, braucht man eine Vision.“

                                                                -  Estee Lauder

Laut Claudia Neusüß, der Mitbegründerin von Weiberwirtschaft, welche am wahrscheinlichsten die erste Frauengenossenschaft in Europa ist, hatte und hat dieses Thema noch politische Untertöne.

Ihre Geschichte begann kurz nach dem Fall der Berliner Mauer, als sie zusammen mit etlichen anderen Frauen aus Berlin sich entschieden haben, ihren eigenen Geschäftssitz, eine Art Kollektiveigentums, zu gründen. Sie waren auf der Suche nach einem verlassenen Fabrikgebäude, das idealerweise in ein alternatives finanzielles Unternehmen verwandelt werden konnte.

„Es begann im Jahr 1986, als wir kein Geld und keine Unterstützung seitens der Politiker hatten. Uns wurde mehrmals erzählt, dass nicht genug Geld für Sonderfälle vorhanden war“, sagt Neusüß. Sie ist der Meinung, dass weibliche Unternehmertätigkeit neue Ethik und Moral zu dieser Epoche gebracht hat, während der Frauen mit der Wahrnehmung, die Organisation und die Rolle der Wirtschaft innerhalb der Gesellschaft enttäuscht waren. „Wie immer, wenn die Politiker nicht aktiv sind, sind die Aktivisten dran, entsprechend der Situation zu handeln“, fügt die deutsche Unternehmerin hinzu.

Nach und nach haben sie geschafft, Geld beiseitezulegen, aber neue Probleme traten auf. Nach dem Fall der Berliner Mauer schießen Immobilienpreisen in die Höhe, was zur Folge hat, dass das gesparte Geld nicht mehr ausreichte. Die einzige mögliche Lösung war ein Bankkredit. Sie fanden eine alte Kosmetikfabrik in Ostberlin. Sie haben mit 20 unterschiedlichen Banken über eine Anleihe verhandelt, bevor ihnen eine gewährt wurde. „Das Darlehen war so groß, sein Zinssatz war viel zu hoch! Erst einen Tag vor der Unterzeichnung wurde mir bewusst, was wir vorhatten, und ich hatte Lust etwas Verrücktes zu tun, wie Fallschirmspringen oder Bungeejumping. Mir waren aber beide zu teuer, deswegen ging ich zu dem lokalen Schwimmbad und sprang von dem 10-Meter Sprungturm!“

Ein Sprichwort von Cicero besagt: Aus kleinem Anfang entspringen alle Dinge. Gleiches gilt auch im Fall von Claudia: Das innovative Projekt dieser Frauengruppe fand die Unterstützung der Presse und, wie sie selbst sagt, “Publizität bringt Menschen dazu, sich kräftig dafür einzusetzen, um Lösungen zu finden. Wären wir mit dieser Initiative gescheitert, dann wäre es ein politisches Versagen. Wir haben große Aufmerksamkeit auf uns gezogen und zu diesem Zeitpunkt auch die Unterstützung von Politikern gehabt.“

 „Wir sind ein alternatives Wirtschaftsunternehmen.“

1989 wurde die Frauengenossenschaft WeiberWirtschaft, die heutzutage den größten gemeinschaftlichen Arbeitsplatz für Frauen in Europa darstellt, gegründet. Sie besteht aus 1.744 Mitgliedern und  bietet Platz für ungefähr 60-70 Unternehmen in Frauenhand. Jedem Mitglied gehört zumindest eine Aktie der Gesellschaft (der Wert pro Aktie beträgt EUR 103). 2013 haben sie angefangen kleine Darlehen weiblicher Startup-Gründer zu gewähren. Männer sind in der Lage Aktien zu kaufen, aber sie dürfen bisher nicht an dem Verwaltungsprozess teilnehmen, was WeiberWirtschaft bereit ist, nochmal zu überdenken.

Was den Name WeiberWirtschaft angeht, hat er laut den Grünnderinnen einen ironischen Unterton, weil dieser Ausdruck auf Deutsch zweideutig sein kann: Weiber bedeutet „Ehefrau“ oder einfach „Frau“, während das Wort Wirtschaft hat eine doppelte Bedeutung: Es kann „Ökonomie“ heißen, aber es ist auch ein veraltetes Wort für „Kneipe“. Demzufolge denkt eine Frau, die diesen Name liest, an Unternehmerinnen, die im Bereich Wirtschaft herrschen. Andererseits assoziieren Männer ihn mit „einer Kneipe, wo sie Frauen kennenlernen können.“ Ihr Weg war lang und schwierig, aber wie Claudia sagt, „wir kennen uns extrem gut darin aus, Hindernisse zu überwinden. Mehr als Persistenz und Engagement braucht man nicht.“

„Die Geschichte unseres Unternehmens zeigt, wie man in eine politische Idee investieren kann. Damals hatten wir keinen alternativen Plan, falls alles schief gehen würde. Auch heute versuchen wir nicht so viel Aufmerksamkeit den Problemen zu widmen, da wir ein klares Ziel haben, das an oberster Stelle steht. Nicht alles am Anfang zu wissen war eigentlich gut. Es war die bestmögliche „Bildung“, die ich erhalten haben könnte“, sagt sie und stampft mit ihren Füßen unter dem Tisch. Sie wirkt voller Energie und Entschlossenheit.

Der großen gut aussehenden blonden Unternehmerin nach ist weibliches Unternehmertum mit gewissen innewohnenden sozialen Angelegenheiten konfrontiert:

  • Es mangelt an weiblichen Vorbildern.
  • Frauen sollen mehr Hindernisse überwinden, um Ressourcen zu finden.
  • Sie haben weniger Zeit zur Verfügung, welche auch als  notwendige Ressource zählt.
  • Das typische Vorbild eines Unternehmers ist meistens männlich.
  • Frauen haben mehr Angst vor Versagen als Männer.

Sind weibliche Unternehmerinnen weniger kompetent als Männer? „Es ist die Familie, du Dummkopf!“

35% aller Startups werden von Frauen geleitet.

Dr. Marc Evers, Gründungs- und Mittelstandexperte der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), spricht dieses Thema ganz direkt an: „In Deutschland hat der Unternehmergeist immer eine sehr wichtige Rolle gespielt. Im Gegensatz zu anderen Ländern haben wir keine Diamanten, weder andere unterirdische Reichtumsquellen, deswegen ist der Unternehmergeist der Deutschen unser einziges „Vermögensgegenstand“, sagt er und fügt hinzu: „Heutzutage haben junge Leute keine Interesse daran, ihr eigenes Unternehmen zu gründen. Deutschland ist ein der weniger Länder, wo die Jungen bevorzugen, Angestellte zu sein statt UntenehmerInnen zu werden.“

Was können wir über den weiblichen Geschäftssinn vom Deutschland lernen? Deutschland stellt einen sehr interessanten Fall dar, weil seine Wirtschaft eine gesunde Balance zwischen dem Kapitalismus und dem Sozialstaat gefunden hat und eine beträchtliche Anzahl von Einwanderer umfasst, die entweder Freiberufler oder Inhaber kleiner bzw.  großer Unternehmen sind. Was das Staat angeht, Hilfe wird gewährt, wenn nötig, und die Gesellschaft ist so progressiv, wie von einer westlichen Gesellschaft zu erwarten wäre. Wie finden aber Frauen diese Situation? „Männer und Frauen sind gleichermaßen kreativ und innovativ, aber Frauen betrachten Geschäftstätigkeiten als eine zweitrangige Aufgabe, als eine Nebenbeschäftigung neben ihrem Hauptberuf. Die ziehen Teilzeitbeschäftigung vor, obwohl die Gewinnspanne geringer ist und die Entlassungschancen höher sind.“

„Darüber hinaus hören sie früher auf zu arbeiten. Der psychologische Faktor spielt auch eine Rolle: Frauen unterschätzen ihre unternehmerische Fähigkeiten“, erzählt Dr. Evers. Frauen sind genauso kompetent wie Männer in Business“, aber, wie er sagt, das „Unternehmen“ Familie steht an erster Stelle. „Die deutsche Regierung versucht das Unternehmertum unter Frauen durch spezielle Programme, wie z.B. „TWIN – TwoWomenWin“, zu fördern. Das Bundesland Berlin unterstützt den Unternehmergeist von Frauen durch Preise, Ausstellungen, Konferenzen, Seminaren, Projekten, Orientierungsveranstaltungen über Finanzierung, Betreuer bzw. Mentoren und natürlich auch Networking.

Männer und Frauen sind mehr oder weniger mit den gleichen Problemen konfrontiert. Eine Sache, mit der Startup-Unternehmen sich sehr häufig auseinandersetzen müssen, ist, dass meistens die Gründer ihre Idee nicht in Worte fassen können. Trotzdem scheinen Unternehmerinnen unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten zu haben…

„Wenn eine Frau etwas nicht genau versteht, hat es damit zu tun, dass man von ihr erwartet, etwas falsch zu verstehen.“

Neera Saggi, die jetzige Präsidentin der Industrie- und Handelskammer in Bombay, nahm das Thema des Empowerment  der Frauen als Unternehmerrinnen als gegeben an. „Eines der ersten Dinge, die ich bedacht habe, als ich Präsidentin der Handelskammer wurde, war die Gestaltung einer Plattforme, wodurch Frauen miteinander kommunizieren und verwachsen könnten. Natürlich unterhalten Frauen sich auch, wenn Männer da sind, aber dann dreht sich ihre Kommunikation um unterschiedliche Themen. Männer sprechen untereinander anders als mit Frauen.“

„Jede Frau sollte ihre Stärke entdecken und unabhängig von den existierenden Verhaltensnormen handeln. Frauen stehen ständig unter den Druck, sich an eine von Männern dominierte Welt anzupassen und bestimmte akzeptierte Verhaltensregeln, die als Erfolgsfaktoren gelten, zu folgen. Da Männer in den Arbeitsplatz mehrere und bessere Arbeitsstellen als Frauen einnehmen, sind die Verhaltensweisen, die als anerkannt und akzeptiert gelten, fast immer männlich. Wenn eine Frau etwas nicht akzeptiert, wird es ziemlich oft behauptet, dass sie eine falsche Einstellung auf Business hat und dass sie sich deswegen irrt.“

Laut Neera verlangt das Thema des weiblichen Unternehmertums ein Umdenken in der Gesellschaft, deshalb sollte es auch behördlich unterstützt werden.

Die streng geschäftsrelevanten Schwierigkeiten im Westen und im Osten scheinen dieselbe zu sein. „Banken vertrauen jungen Frauen Finanzaktivitäten nicht. Mit Männern sieht es aber nicht so. Sie würden anders behandelt, weil es allgemein den Eindruck besteht, dass Frauen mit Zahlen nicht zurechtkommen und dass sie wahrscheinlich ihren Prioritäten ändern werden, da sie alle eine Familie gründen möchten.“

Ist das eine Lüge? Es ist sicherlich nicht die ganze Wahrheit. „Die Selbstverwirklichung von Frauen ist nicht eindimensional“, fügt die gütige Inderin hinzu.

Vorsicht! Die in diesem Artikel erwähnten Frauen kämpfen nicht für Gleichheit, Einheitlichkeit oder andere feministische Themen. Ihre Anfrage ist unterschiedlicher Natur. Obwohl ihre Stelle in dem Arbeitsplatz als gegeben angenommen wird, sie fragen nach Anerkennung ihren besonderen weiblichen Eigenschaften.

Es ist bemerkenswert, dass die Unternehmerinnen, die wir getroffen haben, als sie gefragt wurden, was sie für wichtig halten, im Gegensatz zu ihren männlichen Altersgenossen keine abstrakte Ideen erwähnt haben, wie z.B. die optimalen Umstände, die Wirtschaft, usw. Sie haben stattdessen über ihr persönliches Leben, ihre Familie und die Unterstützung seitens ihres Lebenspartners geredet. Ihre Familie ist meistens auch ihr glühendster Anhänger.

Barbara Jaeschke, der Direktorin der GLS Schule in Berlin und erfolgsreiche Unternehmerin, wurde in einer Bauernfamilie geboren. Wie sie selbst sagt, „mein Vater erwartete von mir, dass ich Lehrerin werde und einen Bauer heirate, sodass ich ein stetiges Einkommen habe, aber auch genug Freizeit im Sommer, um bei den landwirtschaftlichen Tätigkeiten zu helfen. Aber ich habe gereist und wurde vom Reisefieber gepackt, wurde neuen Ideen ausgesetzt und ich sehnte mich nach anderen Sachen.“ Ihr Traum war einen Campus zu gründen, wo Studenten das Zusammenleben genießen könnten. Vor 32 Jahren gründete sie den GLS Campus in Berlin, die erste Schule in Deutschland mit eigenem Campus. Heute gibt es dort Studenten von 35 unterschiedlichen Nationalitäten.

„Sie sollen Entscheidungen treffen und  Risiken eingehen, um eine Unternehmerin zu werden, sich alles sehr bildhaft zu vorstellen.“ Aus diesem Grund betrachtet sie so skeptisch die finanzielle Hilfe, die Arbeitslosen von der Regierung bekommen. Ihr Ehemann hat sie nicht nur finanziell, sondern auch emotional unterstützt. „Hören Sie andere Menschen und ihre Angestellter ganz genau zu. Sie sollen in der Lage sein, sich auf ihr Personal verlassen zu können, und immer wachsam bleiben. Treffen Sie die Entscheidungen, die sie treffen sollen, übernehmen Sie die Verantwortung dafür und treten Sie in Aktion. Banken werden das Konzept eines Unternehmens finanzieren, nicht das Gebäude!“

Kanada ist auch mit dem gleichen Problem wie Deutschland konfrontiert, d.h. dem Mangel an wissenschaftlich ausgebildeten Arbeitskräften. Nach Vicki Saunders, kanadische Unternehmerin und Autorin des Buches Think Like a ShEO, sollte weibliches Unternehmertum nicht als eine soziale Auswirkung von Sexismus behandelt werden, sondern als eine Frage rein finanzieller Natur. „Wir sprechen Unternehmen unter Frauen an, als wäre es eine „Ursache“, während Frauen Führungskraft in dem finanziellen Bereich haben.“

Es war für sie eine negative Überraschung, dass in Deutschland Unternehmertum mit Führung assoziiert wird. „Wir fragen nicht nach mehreren Frauen in Aufsichtsraten. Wir müssen nicht die Frage nach Stabilität mit Unternehmergeist verwechseln. Eine Unternehmerin versucht eine Veränderung herbeizuführen und Geschichte zu schaffen, nicht Stabilität zu gewährleisten.“